Hass ist ein tragendes Gefühl. Ich hasse selten, selten länger als ein paar Stunden. Wenn ich hasse, dann meist spezifisch. Nicht Menschen sondern Eigenschaften, Verhalten. Es gab in meinem Leben kaum Personen, die ich in Gänze zu hassen in der Lage war. Aber es gab sie, an drei Fingern abzuzählen. Hass war dabei für mich immer etwas Reflexives. Niemals habe ich jemanden getroffen, den ich auf Anhieb hasste. Alle, die ich einmal hassen sollte, waren mir vorher sympathisch. Ich denke sogar, man muss mir erst recht nahe kommen, bevor ich so etwas Persönliches wie Hass entwickeln kann. Sonst reicht es höchstens zu Verachtung, mit der ich wenig sparsam bin. Auch Wut kommt auf. Aber Wut hält sich nicht auf Dauer. Hass vermag länger zu brennen. Legt sich in jeden Gedanken. Und er legt sich mit der Zeit, gänzlich. Oft denkt man im Nachhinein, was es denn diesen Menschen, diese Situation würdig machen würde, sie zu hassen. Dem hält wenig stand. Vieles löst sich in bloße Verachtung auf, die man mit einem Lächeln ausleben kann. Lachen wir zusammen darüber. Was bleibt uns übrig?
Der Mann saß am Fenster. Die Frau an ihrem. Draußen war es längst dunkel geworden. Wie einfach doch die Sprache ist, dachte er, ein bloßes t macht die Liebe zur Vergangenheit. Wäre das Denken doch rein sprachlich. Sie dachte an viele Dinge, nicht aber an Liebe. Schon rein sprachlich lehnte sie dieses Wort ab. Der Mann ging an die Luft. Er trank um sich an seinen besoffenen Gedanken zu berauschen. Die Luft benötigte er in erster Linie um zum atmen (Kathartischer Ricorso). Sie trank nicht. Sie trank nicht mit ihm. Sie dachte nicht daran, mit ihm zu trinken. Sie dachte nicht an ihn. Er dachte darüber nach, was sie wohl am liebsten trinkt. Nach einer Stunde kam er an ein künstliches Gewässer. Ein Naherholungsgebiet - auch für ihn. Atem lassen, kopfüber, trinken. Seine Gedankenspiele waren immer recht morbide gewesen. Sie dachte da eher praktisch. Klingen sind Werkzeuge, keine Lösungen und die Menschen waren es doch, die töteten. In den meisten Fällen taten sie das in einem gegenseitigen Verhältnis. Solche Arbeitsteilung ist sozialer Nexus der Menschheit. Eigentlich war die Geschichte längst passé. Nur seine Gedanken führten sie weiter, knüpften das Alte in die Gegenwart, ununterbrochen. Er starrte auf das Wasser. Sie hatte sich längst schlafen gelegt. Er wollte nichts als schlafen. Achtlos lief er zurück nach Hause. Trat gegen Unrat auf dem Bürgersteig und wechselte häufig die Straßenseite. Autos erfassten ihn nicht, wenig war noch in der Lage, ihn zu umgreifen. Längs verlief ein flacher Straßengraben, dort setzte er sich an die Böschung. Er zündete eine Zigarette. Schließlich legte er seine Kleider ab und badete in Selbstmitleid.
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