Gonzosophie
9. November 2010
Schröder, Schwarzer und das einander "vorknöpfen"
gonzosophie | 09. November 10 | Topic 'Medienkritik'

Wie viele von Ihnen ja wissen hat „das Sturmgeschütz der Demokratie eine weithin bekannte und gelesene Onlineausgabe. Dieser kommt zugute, dass sie ein Interview mit unserer Familien- und Frauenministerin veröffentlicht hat, welches ich vor Kurzem bereits an dieser Stelle besprach. Darin äußerte besagte Ministerin so platte wie argumentativ schlechte Positionen bezüglich der Emanzipation der Frau und anderer Genderthemen.

Da sie sich dabei von Alice Schwarzer distanzieren zu müssen glaubte, um ihre „Jungenpolitik“ medienwirksam verkaufen zu können, folgte von jener prompt eine Replik. Nun mag man von Alice Schwarzer nach ihrem Engagement für die sog. Bildzeitung denken, was man will. Ihre Stellungname zu Frau „Dr.“ Schröder ist prägnant, hinreichend und bedarf keiner weiteren Besprechung. Sie zeigt sehr schön auf, wie viel unsere Familien-, Frauen- Undsoweiterministerin von Feminismus versteht: Nischt.

Dem waren sich selbst die Interviewer schon gewahr. Die gleich zwei Autorinnen von Spiegel Online, welche jüngst eine Zusammenfassung des „Bizarren Sex-Streits“ (Bild) zusammenstellten, jedoch wohl nicht. Sie fassen das Interview mit Schröder wie folgt zusammen:

>>Im SPIEGEL distanzierte sie sich vom Feminismus, rechnete mit einzelnen Thesen von Frauenrechtlerin Alice Schwarzer ab - und ging dabei mit viel Leidenschaft tief ins Detail der Geschlechterdebatte.<< (Quelle: Spiegel Online)

Wo die sich Leidenschaft, noch dazu wo die Details sich in dem Interview nun verstecken sollen, bleiben uns die Autorinnen leider schuldig. Was Schwarzer ihrerseits darauf erwidert ist wohl noch unwichtiger. Ihre Position wird nicht mit einem einzigen Satz erläutert. Stattdessen liefert der Artikel uns lieber Hintergrundinformationen, die so wohl noch nie jemand gehört hat:

>>Noch in den fünfziger Jahren durften Ehemänner das Geld der Gattin allein verwalten. Die Herren durften nach gerichtlicher Genehmigung auch den Job ihrer Frau kündigen, wenn sie meinten, dass die Berufstätigkeit die "ehelichen Interessen" störe. Strahlende Kinder, hübsch gedeckte Tische und glücklich lachende Hausfrauen mit Wespentaille und Betonfrisur - diese Bilder prägen die Wirtschaftswunderjahre. Eine Fernsehwerbung von Dr. Oetker aus dieser Zeit fasst das Ideal so zusammen: "Sie wissen ja, eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was soll ich kochen", verkündet ein männlicher Sprecher.<< (Quelle: Spiegel Online)

Ob eine der Autorinnen diese Allgemeinplätze gerade noch irgendwo auf Halde hatte und hier lediglich eingefügt hat (Fachleute sprechen von copy&paste) um den Artikel möglichst schnell auf 700 Wörter zu bringen mag dahingestellt bleiben. Man muss ja auch schnell und nicht informativ schreiben um an so einem heißen Eklat möglichst nah dran zu sein. Doch wie jeder gute Text, hat natürlich auch dieser ein Happy End:

>>Die Ministerin lobt schließlich Schwarzer, ohne dass diese es gemerkt hat. "Hätte es eine Karriere wie Ihre ohne den Feminismus in Deutschland gegeben?", wird sie in dem Interview gefragt. "Nein", antwortet Schröder. "Das wäre in der Zeit vor dem Feminismus nicht möglich gewesen."<<

Und die Autorinnen schließen, ohne dass wir schlauer wären. Aber wir glauben zu wissen, dass eine antifeministische Frau etwas ganz Normales sagte, nämlich dass heterosexuelle Geschlechtsverkehr möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau. Und wir scheinen zu wissen, dass die alte, sogar gelobte Feministin gleich „aufschreit“ und es von ihr „heftigste Kritik“ hagelt, während sich die Opposition jene arme Ministerin „vorknöpft“. Wäre sie mit ihrer „Jungenpolitik“ doch lieber still geblieben, wie es sich laut den Autorinnen für eine kluge Frau auch heute noch geziemt:

>>Schröders Amtsvorgängerin Ursula von der Leyen und auch Kanzlerin Angela Merkel agieren in Sachen Emanzipation weit geschickter. Sie reden nicht so viel darüber<< (Quelle: Spiegel Online)

So sieht also geschickte Frauenpolitik aus: Bloß nicht drüber reden.

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8. November 2010
Der Castor und der dumme Protest
gonzosophie | 08. November 10 | Topic 'aktuelles'

Manchmal sollte man sich einen Ruck geben und zur Abwechslung etwas zu den Tagesereignissen schreiben, anstatt immer den Nachrichten vom Vorvortag nachzuhängen. Was gibt es da Passenderes, als direkt aus einem Newsticker zu zitieren:

>>08:26 Die Parlamentarische Staatsekretärin im Umweltministerium, Katharina Reiche (CDU), hat Oppositionspolitikern Stimmungsmache im Zusammenhang mit dem Castor-Transport vorgeworfen. Es müsse geklärt werden, wie es zu solchen Gewalteskalationen komme.<< (quelle:ndr-liveticker)

Endlich mal eine CDU-Politikerin, die für lückenlose Aufklärung plädiert und dabei die Politik selbst meint. Nun ist die geforderte Aufklärung nicht sonderlich schwierig. Die dem sog. Atomstrom kritisch gegenüberstehende Bewegung hatte eigentlich schon eine ziemliche Flaute zu verkraften, nachdem man die AKWs für in naher Zukunft obsolet erklärt hatte. Nun jedoch erklärt man den Menschen, sie seien irrational, wenn sie gegen AKWs seien und lässt diese unter dubiosen Profitbedingungen für deren Betreiber wieder länger laufen. Das erinnert doch stark an die, von Politikern für irrational erklärten Stuttgarter, deren Bahnhof in dubiosen Genehmigungsverfahren zustande kam. Wollen Sie mal einen Menschen eskalieren lassen? Dann sagen Sie ihm nicht nur, dass Sie wichtige Entscheidungen gegen seine Überzeugung treffen werden, sondern dass er im Grunde auch einfach zu dumm ist, sie selbst zu treffen. Á Propos:

>>15:48 CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt hat die Grünen-Spitze wegen deren Unterstützung der Castor-Blockierer attackiert. "Die Grünen outen sich als politischer Arm von Aufrührern, Brandstiftern und Steinewerfern", sagte Dobrindt am Montag. "Sie machen sich in skandalöser Weise mitschuldig an der Zerstörung von Bahngleisen und Gewalt gegen Polizeibeamte."<< (quelle:ndr-liveticker)

Nun kann es als Errungenschaft neuerer Zeiten betrachtet werden, dass ein bayrischer Generalsekretär rationale Bewertungen über Vorgänge im Wendland treffen kann – er hat wohl einen Bericht im Fernsehen gesehen. Auch ist es recht belustigend, dass sich die Grünen „als politischer Arm von Aufrührern, Brandstiftern und Steinewerfern“ in Bayern erst noch „outen“ müssen. Ich dachte in den Kreisen geht man davon aus, sie seien als solcher mal gegründet worden. Auf welcher Seite aber die vielbeschworene Gewalt bestehen soll, wenn man sich auf einem Bahngleis verprügeln, besprühen und bei Frost mit Wasserwerfern traktieren lässt, um einer irrationalen Überzeugung anzuhängen, mag dahingestellt bleiben. Dazu zitiere ich nochmals und abschließend:

>>11:32 Die Polizeigewerkschaft hat den Castor-Einsatz kritisiert und die Politik für die "untragbaren" Zustände verantwortlich gemacht. Auf dem Rücken der Polizei würden politische Fehler ausgetragen. Einige Beamte seien 24 Stunden am Stück im Einsatz gewesen.<< (quelle:ndr-liveticker)

PS: Wie wäre es den Atommüll demnächst einfach in Stuttgart zwischenzulagern? Da könnte man ihn zukünftig fast gänzlich unterirdisch transportieren und die Tunneleingänge wird man doch wohl noch bewachen können.

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