Gonzosophie
19. Oktober 2010
„Ich bin Urheber“ – Journalismus frei von Allem.
gonzosophie | 19. Oktober 10 | Topic 'Zur Sache selbst'

Unlängst schrieb ich etwas zum Urheberrecht und wurde infolgedessen auf einen sehr reißerischen Artikel innerhalb des Onlineangebots der Zeit aufmerksam gemacht, deren Abonnent ich seit einiger Zeit bin. Dieser Artikel weiß von der schieren Sintflut von Urheberrechtsklagen gegenüber einfachen und einfachsten Menschen zu berichten, in denen es angeblich um schwindelerregende Beträge geht, deren vollstände Zahlung man selbst mit den ausgefeiltesten juristischen Mitteln nicht zu vermeiden im Stande sei.
Was mich an diesem Artikel jedoch aufregte, waren weniger die beschriebenen und natürlich völlig unverhältnismäßigen Aktionen der letzten Bewahrer der Menschen- und Urheberrechte (auch GVU genannt und mit eigenen Problemen behaftet), sondern das völlige Fehlen von Belegen, Zahlen, Statistiken – kurz gesagt jedweder Zutaten eines seriösen Journalismus.

Man weiß es nicht, aber man munkelt schon...

Stattdessen stützt man sich hier auf so wunderbar suggestive und kaum widerlegbare Aussagen wie:

„Für die Wolters dürfte es kaum ein Trost sein, doch: Sie sind nicht allein. Viele Kollegen und Freunde haben ihr seitdem von ähnlichen Vorfällen berichtet.“ (zeit.de)

Dem kritischen Leser dürfte das Hörensagen einer Familie als einziger Beleg doch recht ungenügend erscheinen und er mag von einem gut recherchierten Artikel erwarten, dass man der Sache weiter auf den Grund gehen möge und folglich mit hintergründigen Informationen aufwartet. Auf diese wartet man vergebens. Stattdessen überrascht uns Sidney Gennies, der Autor, mit der Erkenntnis:

„Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Familien durch die Netzausflüge ihrer Kinder in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten geraten sind.“ (zeit.de)

Es existieren also angeblich keine Zahlen bezüglich des Umfanges von Klagen, obschon die gesetzlichen Grundlagen und die juristische Praxis der Abmahnungen kaum erst seit gestern bestehen und laut Artikel jede halbwegs normale Familie in Deutschland dazu eine Geschichte zu erzählen hat. Doch natürlich, aber nicht wie viele dadurch in „ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten“ geraten sind. Eine solch vage Formulierung lässt sich in Statistiken auch kaum erheben. Will man also ganz im Sinne einiger im Artikel namentlich auftauchender Interessenvertreter eine gezielte Drohkulisse aufbauen, dann stützt man sich statt auf die Fakten lieber auf den Sinnspruch: „Man weiß es nicht, aber man munkelt schon…“ Zwar weiß man es entgegen eigenem Bekunden tatsächlich besser, aber das Munkeln passt einem doch so schön in den Kram.

Meinungsjournalismus? Pfui!

Nun stelle ich mir in meiner Funktion als Blogger mittlerweile verstärkt die Frage, wieso man uns immer vorwirft, im besten Falle Meinungsjournalismus zu betreiben (unlängst auf einer betreffenden Veranstaltung des Medienforums Mittweida so erlebt). Folgt man den klassischen Kriterien von Wahrheit und Meinung – da können sie Platon oder Aristoteles fragen – kommt dieser Artikel über letztere kaum hinaus. Angesichts der eindeutigen Richtung des Artikels bin ich mir nicht einmal sicher, ob der Autor hier überhaupt klassischen Journalismus betreibt, oder seine Motivation ganz anderer Quelle (etwa der GVU) entspringt. Gerade kleinere Zeitungen werden ja nicht müde, von der angeblichen Schwemme schlimmster Raubkopierstrafzahlungen zu berichten. Selbst wenn mir von solchen Fällen noch keiner selbst im weitesten Bekanntenkreis zu Ohren gekommen ist.
Ach übrigens, sollten sie diesen Artikel für einen Einzelfall halten und mich für jemanden, der sich mal wieder grundlos über eine Lappalie aufregt, dann sei noch auf folgenden Artikel in der Welt verwiesen, der über angebliche Integrationsprobleme von Migrationskindern an deutschen Schulen berichtet. Angebliche? Wir wissen doch alle, dass es so ist. Richtig? Richtig! und deswegen macht sich auch dieser Artikel an keiner Stelle die Mühe, seine „Enthüllungen“ irgendwie zu belegen. Schließlich passen die getätigten Aussagen in unser aller Bild von Wirklichkeit so gut herein, dass wir sie eigentlich nicht einmal zu lesen bräuchten. Dann können wir es aber auch gleich lassen. Journalismus sollte doch eigentlich dazu da sein, unsere Wahrnehmung und die zugrunde liegenden Fakten zu überprüfen und zwar dahingehend, ob sie deckungsgleich sind. Das wäre Journalismus als Korrektiv – alles anderes ist Hof- bzw. Doofberichterstattung. Sie wollen ein Paradebeispiel?

„Es gibt andere Pädagogen, die leiten das aggressive Verhalten aus einem „politischen Extremismus“ ab, der nicht nur Deutsche, sondern alle Nichtmuslime treffe.“ (welt.de)

Bei solch einer Aussage bin ich für meinen Logikkurs dankbar. Wieviele Pädagogen braucht es, die der angeführten Aussage prinzipiell zustimmen würden, damit der Satz wahr wird? 1. Klingt schon einmal aussagekräftig. Da dieser mindestens Eine aber unter den Millionen Pädagogen weltweit sicherlich unglaublich schwer zu finden wäre, hat man sich auch gar nicht die Mühe gemacht, ihn für ein namentliches Zitat zu finden. So kann ich meine Argumente auch belegen: Es gibt Polizisten, die das Verhalten von Ausländern aus ihren Genen herleiten. Versuchen Sie einmal, diese Aussage zu widerlegen. Ist dadurch jedoch die vermeintliche Aussage wahr?

Journalisten fordern Gelassenheit beim Umgang mit Quellen

Selbige Redefigur wird in besagtem Artikel trotzdem munter weiter bemüht:

„Auch Polizisten berichten über eine deutlich zunehmende Deutschenfeindlichkeit vor allem unter türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen.“ (welt.de)

Wo tun sie das? Was sagen sie genau? Alles nebensächlich; Hauptsache man kann so tun, als sei die Aussage belegt. Nochmal: Ich will gar nicht behaupten, dass die Aussage nicht wahr sei. Nur wenn sie wahr ist, warum werden keine wirklichen Quellen angeführt, sondern lediglich völlig vage Existenzaussagen á la: „Es gibt irgendjemanden, der sagt…“ Das Lustigste ist dabei die augenscheinlichste Quelle, die uns der Artikel bietet. Es ist eine Statistik – ja, tatsächlich noch so etwas wie ein Verweis auf Fakten! Was zeigt die Statistik? „Ausländer in Deutschland – Deutsche im Ausland“, sie soll belegen, dass hier in Deutschland hauptsächlich Migranten aus der Türkei leben. Doch wozu? Was hat das mit der Schulgewalt zu tun?
Egal. Ich muss vor solch brillanter Berichterstattung kapitulieren. Machen Sie sich ihr eigenes Bild. Es ist ja nicht so, als bliebe Ihnen eine andere Möglichkeit.

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18. Oktober 2010
Einbruch! (2)
gonzosophie | 18. Oktober 10 | Topic 'Fortsetzung folgt'
Das sogenannte Arbeitszimmer war eine einzige Katastrophe. Zinkmann hatte die Tür kaum öffnen können, da auf dem Boden lauter Zeug herum lag. In der Mitte des Raumes kreuzte ein Bücherregal, das sich irgendwie aus seiner Verankerung gerissen hatte, die Sichtlinie in Richtung Schreibtisch. Der Inhalt des Regals befand sich darunter, ein ganzer Haufen Bücher, Mappen und loser Blätter. Irgendwoher kam ein Rascheln. Zinkmann stemmte die Tür weiter auf und bahnte sich seinen Weg unter dem Regal hindurch. Der Schreibtisch war im Grunde völlig aufgeräumt, nur ein Stück abgerissener Tapete lag darauf und die Schubladen waren allesamt herausgezogen. Hinter dem Schreibtisch kauerte Prof. Dr. Dr. Polkmann mit einer der Schubladen auf dem Schoß, in der er aufgeregt kramte. „Zinkmann! Sie kommen abermals zu spät.“ Der Professor holte einen großen Beutel hervor, in dem sich ein ziemlich kleines Stück Grün befand. Dies stopfte er in eine grobe Pfeife, welche er sogleich mit einer Lötlampe anzündete. „Nein, im Grunde bin ich zu früh. Es ist ja auch nicht so, dass…“ „…dass sie mit ihrer Zeit irgendetwas besseres anzufangen hätten. Ja, da mögen sie Recht haben. Jedenfalls gehen sie gleich mal zum Hausmeister und sagen ihm, dass hier offensichtlich eingebrochen wurde.“ „Eingebrochen. Na das erklärt natürlich … alles, Herr Polkmann.“ „Alles!“ erwiderte Polkmann und warf eine massive Buddhastatue durch das Fenster. „Meine Sprechstunde können sie auch gleich absagen.“ „Aber die ist doch erst am Freitag.“ Polkmann nahm einen tiefen Zug „… eben. Wenn sich mich nun entschuldigen würden. Ich habe noch etwas zu erledigen.“ Er klemmte sich eine Mappe unter den Am und öffnete das Fenster. Erst warf er die Mappe heraus, dann sprang er hinterher. Zwischen den herunterflatternden Papieren war ein dumpfer Aufschlag zu hören, gefolgt vom Rascheln und Knacken einiger Äste.

Zinkmann wartete kurz, dann lehnte er sich aus dem Fenster und musterte den Innenhof. Allem Anschein nach hatte niemand das Zerspringen der Scheibe gehört. Zumindest schien es niemanden zu interessieren. Er schloss das Fenster und klebte das abgerissene Stück Tapete vor die Bruchstelle. Selbst ein genauerer Blick ließ ihn nicht durchschauen, was der Professor in seinem Zimmer veranstaltet hatte. Alles deutete auf einen Mondkranken hin, der hier zum Schutze seiner selbst und der Menschheit bei Vollmond eingeschlossen worden war. Nicht zuletzt die Kratz- und, so sah es jedenfalls aus, Bissspuren an den Möbeln. Er überlegte, was zu tun sei. Die abartige Zerstörungswut, von der nicht zuletzt tiefe Fingerknöchelabdrücke im Stuckwerk zeugten, überstiegen eindeutig das Maß normaler Einbrüche und den Vandalismus jeglichen Rowdys. Zinkmann stieß mit seinem Fuß gegen einen Band der Kritik der reinen Vernunft. Plötzlich sprang die Tür auf und knallte gegen den Ascheeimer. Polkmann betrat das Zimmer und verzerrte sein Gesicht in groteskem Schrecken. „Raub! Diebstahl!“, schrie er und zerzauste sich noch weiter das Haar, aus dem ein paar Blätter rieselten. „Zinkmann, alamieren sie die zuständigen Behör… wieso klebt denn dort Tapete am Fenster?“ „Damit es nicht so zieht.“ „Schlecht, Zinkmann, fatal! Welcher Einbrecher würde denn zur Schadabwendung seines zu Beraubenden ein Stück…“ Polkman drehte sich um und sah eine sog. Studierende mit offenem Mund in der Tür stehen. „Feldversuch!“, brüllte er und schlug die Tür zu.

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